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Männer 60 plus - ohne Angst verschieden sein

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Ein Resümee der Männergruppe 60 plus von Alexander Kaestner

 

Wir sind sehr verschieden: wir kommen aus verschiedenen Berufen, die hinter uns liegen, wir vertreten verschiedene politische Ansichten, leben in verschiedenen Lebenssituationen: verheiratet, getrennt lebend, geschieden, wieder verliebt, üben verschiedene Tätigkeiten nach dem Berufsleben aus, hängen verschiedenen religiösen oder philosophische Ausrichtungen an.

Gemeinsam ist uns, dass die Berufszeit hinter uns liegt und uns die Frage beschäftigt: was nun? Und die Neugierde: wie ist das bei dir? Wie machst du das? Jeder hat das bereits für sich entschieden, jeder auf seine Weise. Noch etwas anderes verbindet uns: die Achtsamkeit füreinander.

Wir sind eine Gesprächsgruppe von Männern über 60. Wir treffen uns vierzehntäglich, sitzen 90 Minuten im Kreis. Gemeinsam ist uns die Bereitschaft, über uns, unsere Stärken, unsere Schwächen, Schwierigkeiten und Sehnsüchte möglichst offen zu sprechen.

Wir sind überzeugt: wenn man darüber redet, sieht es gleich anders aus. Wir halten, wo es einem notwendig erscheint, Veränderungen aus eigener Kraft, von der wohlwollenden Aufmerksamkeit der anderen unterstützt, für möglich.

Jeder von uns nimmt an der Männergruppe teil, um etwas für sich selbst zu tun. Jeder ist für sich selbst in der Gruppe verantwortlich.

Für manche mag es erstaunlich sein: wir haben keinen Leiter. Was unsere Gruppe betrifft, das regeln wir gemeinsam. Es hat bisher deswegen nie Konflikte gegeben. Die im Berufsleben gewohnte Konkurrenz haben wir hinter uns gelassen.

Unsere Treffen gelingen ohne Sitzungsleitung. Jedoch haben unsere Zusammenkünfte eine Struktur: Wir beginnen mit einer zehnminütigen Stille oder Meditation. Darauf folgt das Blitzlicht, eine Runde, in der jeder sagt, was gerade bei ihm obenauf liegt, was ihn beschäftigt, was ihn freut, ihm Sorgen macht, was er gerne loswerden möchte. Die Beiträge bleiben so stehen, werden nicht diskutiert.

Es ist dann, nachdem alle gesprochen haben, völlig offen, d.h. nicht abgesprochen oder vorbestimmt, an welchen Beitrag das Gruppengespräch anknüpft. Das ist überaus spannend zu beobachten, wie das Thema des Treffens zustande kommt. Meistens bleibt es bei einem Thema. Es gibt keinen Anspruch, ein Thema erschöpfend zu bearbeiten. Das nächste Mal ist ein anderes Thema dran. Welches? Das wird sich zeigen.

Worüber sprechen wir? Über alles. Ich kann das guten Gewissens behaupten. Ich habe in der letzten Runde gefragt: Habt ihr den Eindruck, dass wir Themen außen vorlassen – aus welchem Grund auch immer? Nein, war die einhellige Auskunft. Wir haben einen Grad an Vertrautheit erreicht, der uns erlaubt, auch scheinbar schwierige Themen anzusprechen: politische Überzeugungen etwa, oder Sexualität oder Religion. Wir haben eine Bereitschaft zur Offenheit entwickelt und, was hätten wir zu verlieren?

Einige Themen, über die wir gesprochen haben:

  • Wie fühlt sich das an, älter zu werden? Woran merkst du das? Was hat sich bei mir verändert?
  • Die Eltern sind pflegebedürftig geworden. Gerd erzählt, er müsse nun immer öfter zu ihnen fahren, dabei habe er zu Hause eine Baustelle mit der Renovierung der Wohnung. Eltern werden hilflos wie kleine Kinder. Wie gehe ich angemessen damit um?
  • Unsere Angst vor Demenz – was wir darüber wissen und wie damit umgegangen werden kann.
  • Wie halte ich es mit der Religion? Brauche ich sie? Was ist an ihre Stelle getreten?
  • Was habe ich noch vor in meinem Leben?
  • Die Beziehung zu meiner Partnerin ist in die Jahre gekommen, Abnutzungserscheinungen oder immer deutlicher hervortretende unüberbrückbare Gegensätze? Wie soll es weitergehen?
  • Eine neue Beziehung mit einer jüngeren Partnerin, wie gestalte ich die nachdem die erste Verliebtheit verschwunden ist?
  • Wie möchte ich sterben? Schnell oder langsam? Und wo? Ganz bewusst oder abends einschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen?
  • Helmut war eine Zeit lang im Kloster – zu Besuch, Stille üben. Wie war das für dich?
  • Die Ehefrau von Klaus geht in den Ruhestand. „Ich bin gespannt“, sagt er, „wie das unserer Beziehung bekommen wird.“

Die anderen hören aufmerksam zu. Das Thema oder ein Detail daraus spricht einen anderen an. „Ich kenne das auch“. „Genau!“, sagt wieder ein anderer, diese Frage bewegt mich schon lange. Er knüpft daran an, erzählt, was ihn bei diesem Thema bewegt. Auch andere in der Gruppe spüren Resonanz und fühlen sich emotional angesprochen. Ein dritter widerspricht heftig, ein kritischer Einwand des Kopfes. Ein vierter schweigt erst einmal. Nachher wird er uns erklären, warum. Das Thema sei ihm zu nahe gegangen oder habe ihn nicht interessiert.

Wenn einer etwas äußert, worüber er nur selten spricht oder vielleicht noch nie gesprochen hat, dann wird es ganz ruhig im Raum. Achtsam gehen wir miteinander um. Es wird nicht diskutiert, mit Rede und Gegenrede argumentiert. Fragen werden zum besseren Verstehen gestellt oder es wird eine Beobachtung mitgeteilt. Das Echo der anderen ist von großem Wert. Manchmal sehen 14 Augen mehr als zwei. Was dem Redner verborgen geblieben ist, das können die anderen spüren und mit Bedacht vorbringen. „Ja“, sagt der dann, „da könnte was dran sein. So habe ich das noch nie gesehen“.

Zum Abschluss des Gruppengesprächs gibt es wieder ein Blitzlicht: wie habe ich unser heutiges Treffen erlebt? Schweigend, mit einem kleinen Ritual, beenden wir unser Treffen und verabschieden uns voneinander.

Wir geben der Spontaneität und den assoziativen Einfällen im Gespräch viel Raum. Aber es gibt einen Rahmen und Regeln: alle vierzehn Tage, am selben Ort, zur gleichen Zeit, 90 Minuten. Den anderen ausreden lassen, nicht unterbrechen, keine Ratschläge, Störungen haben Vorrang, Verschwiegenheit, alles persönlich Mitgeteilte bleibt in der Gruppe.

Von Anbeginn bestand die Absicht, gelegentlich gemeinsame Aktivitäten auch außerhalb dieses Rahmens zu starten. Einmal waren wir auf Goethes Spuren in Frankfurt unterwegs, gingen zum Willemer Häuschen und zur Gerbermühle, einmal haben wir an einem Abend zusammen gekocht. Auch die Nicht-Köche waren gefordert: „Einen Salat wirst du doch noch schaffen!“ Weitere Unternehmungen werden geplant.

Es ist nicht zu übersehen: ich fühle mich sauwohl in dieser Gruppe. Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Ich finde es sehr berührend, wenn einzelne unter uns mit Bedauern ankündigen, sie führen in Urlaub und könnten das nächste Mal nicht dabei sein. Sie würden dann aber an uns denken.

Daher kann ich unsere Gruppe allen interessierten Männern zur Nachahmung sehr empfehlen. Die Gründung einer Männergruppe ist nicht schwer, wenn man Gleichgesinnte findet, z.B. im Freundeskreis, unter Bekannten oder ehemaligen Kollegen. Zwar werden nicht alle Angesprochenen sofort bereit zum Mitmachen sein, doch das Bedürfnis zum Gespräch unter Gleichaltrigen ist in dieser Altersgruppe über 60 größer als man denkt. Hilfe bei der Gruppengründung findet man bei der Leitstelle Älterwerden im Rathaus für Senioren (www.aelterwerden-in-frankfurt.de), bei der Selbsthilfekontaktstelle (www.selbshilfe-frankfurt.net) oder unter der Emailadresse  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

 

 

 

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